Ein G-tt, eine Ethik

Als der niederlaendische Jude Abel Herzberg am 5. September 1944, im KZ Bergen-Belsen schrieb, ahnte er nicht welche weite Verbreitung seine Worte finden sollten: „Die Juden haben den Monotheismus als das wahre Prinzip eingeführt. Das hat innerlich und aeusserlich ihre Geschichte bestimmt. Denn psychologisch betrachtet gibt es lediglich zwei religioese Typen. Den monotheistischen und den polytheistischen. Da ist der Mensch, der das Prinzip aufstellt, dass es nur einen einzigen gibt, einen einzigen, der das Sein und das Werden bestimmt und dem jeder und alles Verantwortung schuldet. Der Untergebene und der Machthaber, der Sklave und der König, das Individuum und die Gemeinschaft… Gott ist Einer, universell und ewig und er fordert von der Welt einen bestimmten Weg und ein festes Ziel durch seine Schöpfung.“Gott ist Einer“ ist daher identisch mit der Forderung nach einer einzigen Ethik… Der polytheistische Mensch ist nicht weniger religioes als der monotheistische. (…) Doch die Einheit Gottes existiert für ihn nicht, für ihn sind Sein und Werden ein ewiger Kampf zwischen Macht und Macht, Mächten, die im Prinzip in unbegrenzter Anzahl existieren. Und was ist letztendlich Sitte und Recht? Die Macht, die siegt. Wer der stärkste ist und dies zu beweisen vermag, der hat recht. Und wer die Herrschaft zu erobern versteht, hat auch das Recht dazu. Für den polytheistischen Menschen gibt es kein groesseres Hindernis als die Frage, die ihm ein Monotheist stellt: „Ist es erlaubt?“ (…) Die Juden… beriefen sich auf Recht, nicht auf Macht, weil sie keine Macht besaßen oder besitzen konnten, und da sie sich aus unvergleichlicher historischer Tapferkeit nicht der Mehrheit ausliefern wollten, haben sie die Fahne der absoluten Gerechtigkeit gehisst, um andere dazu zu zwingen, sie zu respektieren, und um sich selbst einen Stern an den Himmel zu setzen zur Orientierung im Leben. Die uns verfolgen, sind Heiden, und sie wissen nicht, wie groß der Gott Israels ist. Sie hassen uns um unserer Größe und unserer Ewigkeit willen, aufs neue wehren sie sich gegen die Stimme, ruft und ruft und nicht aufhören wird zu rufen:“Kain, Kain, wo ist dein Bruder Abel?“ Und wieder gibt es einen „Rest, der zurueckkehrt“. Wieder steigt in unserer Mitte die Stimme der Propheten und in unseren Herzen der Gesang der Dichter auf. Nicht umsonst singen wir am Sabbat:“Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.“ Diese Freude gründet in unserem ewigen Bekenntnis. Je Beschwerlicher unser Leben, je bitterer unser Los, desto deutlicher offenbart uns wieder unser tausendjaehriges nationales Programm: Hoere Israel: der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist Einheit. (Abel Herzog, Zweistromland, Tagebuch aus Bergen-Belsen, Knesebeck 1997,78-84)

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